Green Marketing & CSR: Same same but different

„CSR und Green Marketing, das ist doch das gleiche, oder?“ werde ich oft gefragt. Ja und nein. Es gibt viele inhaltliche Berührungspunkte und doch sind die Ansätze durchaus unterschiedlich. Da ich für die 2. Auflage des „Green Marketing“-Buches gerade die Kapitel ergänze, erweitere, überarbeite und viele neue hinzufüge, habe ich mich der Beantwortung dieser Frage gewidmet und veröffentliche die Passage schon einmal vorab:

Corporate Social Responsibility (CSR) ist der Versuch von Organisationen, sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zu stellen. Entstanden ist dieser CSR-Ansatz aus der Diskussion um die Identität und die Werte eines Unternehmens. Schon 1998 konstatierte Stephan Heller, dass jedes Unternehmen eine Identität, eine Persönlichkeit hat. Und genau diese Persönlichkeit bestimmt seiner Auffassung nach maßgeblich den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. Um ein glaubwürdiges Bild zu vermitteln, muss sich die Corporate Identity in allen Unternehmensbereichen spiegeln, sie ist daher die Basis aller kommunikativen, aber auch entwicklungstechnischen und personalpolitischen Aktivitäten und dient in dieser Funktion als inhaltliche Leitstrategie. Von ihren programmatischen und kommunikativen Vorgaben hängt die interne und externe Darstellung und damit die Wahrnehmung des Unternehmens, das Corporate Image, ab.

In unmittelbarer Abhängigkeit zur Corporate Identity gehören die Visualität des Unternehmens, das Corporate Design, die Mitteilung der Botschaft über die Corporate Communication und zuletzt das Corporate Behaviour, die Verhaltensweisen des Unternehmens, genauer: der Mitarbeiter, und zwar sowohl untereinander als auch Kunden, Verbrauchern und Lieferanten gegenüber.Das Verhalten gilt als das wirksamste Instrument der Unternehmensidentität, denn es beweist, wie ehrlich es ein Unternehmen meint.

Aufgeteilt sind diese Verhaltensweisen auf vier Bereiche: gegenüber

  • den eigenen Mitarbeitern
  • den anderen Marktteilnehmern (also Lieferanten, Wettbewerber, Vertriebspartner und den Kunden)
  • den Share-Holdern (Investoren, Aktionären usw.)
  • und den Stake-Holdern (Staat, Öffentlichkeit, Umwelt, die Haltung zu gesellschaftlichen und kulturellen Interessen, ökologischen Problemen, zum wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt und zum sozialen Wandel)

Das kapitalistische Streben nach Gewinn zwingt Unternehmer (in der Theorie) dazu, die Güter zu produzieren, die ihren Mitmenschen nutzen. Gewinne sind deshalb der Beweis, dass der Unternehmer die Wünsche der Nachfrage befriedigt. Gewinne sind daher betriebswirtschaftlich gut und moralisch zu begrüßen. Doch in diesem Spannungsfeld bewegt sich nun die CSR: Wie verantwortlich verhält sich das Unternehmen nicht nur den ökonomischen, sondern auch den  ökologischen und sozialen Aspekten gegenüber?

Die Beschäftigung des Unternehmens mit seiner Identität hat nicht nur eine wichtige Außen-, sondern eine ebenso bedeutsame Innenwirkung (z.B. die Identifikation mit den Unternehmenswerten seitens der Mitarbeiter) und durch den Einbezug von Lieferanten, Wettbewerbern, Vertriebspartnern und Kunden auch einen marktrelevanten Aspekt. Abgeleitet von ihrem Ansatz her, ist die Betrachtungsweise der CSR grundsätzlich stets eine unternehmenszentrierte.

Beim Green Marketing steht hingegen der Marktansatz im Vordergrund. Durch stetige Veränderung, gesellschaftlichen Wandel und technologischen Fortschritt unterliegen Märkte heutzutage einer nie dagewesenen Dynamik. Diese beschleunigte Realität erschwert die adäquate Anpassung an den Wandel der Gesellschaft. Deren Bedürfnisse zu erkennen und entsprechende unternehmerische Strategien zu finden ist ein Grundgedanke des Marketings. Es hat die Aufgabe, solche Entwicklungen rechtzeitig vorauszusehen und angemessen darauf zu reagieren. Marketing dient dazu, sich ein trennscharfes, eindeutiges Profil zu geben, um sich optimal am Markt zu positionieren, und so kann Marketing als Werkzeugkasten verstanden werden, in dem fein säuberlich geordnet in 7 Fächern eine Vielzahl von Instrumenten liegt, die je nach Marketingziel miteinander kombiniert werden wollen. Diese Fächer sind die 7 Ps: product, price, placement, promotion, persons, physical facilities und process.

Green Marketing ist nun nichts anderes als die Überlegung, wie wir mit diesen bestehenden, vertrauten Tools grüne Ziele erreichen können: Wie müssen wir unsere Produkte, unsere Dienstleistungen anpassen, um den neuen Anforderungen unserer Konsumenten gerecht zu werden? Muss Gutes immer teuer sein? Welche Möglichkeiten können in der Distribution ausfindig gemacht werden, um Märkte nachhaltiger zu bearbeiten? Und zu guter Letzt: Wie kommuniziert man grüne Inhalte, ohne sich des „green washings“ verdächtig zu machen?

Eine abwartende oder gar ablehnende Haltung in Fragen der grünen Erneuerung kann also durchaus gefährlich werden, wenn Markttendenzen nicht erkannt, ernst genommen oder anderen Anbietern überlassen werden. Und um es klar zu machen: Green Marketing ist nichts, was man halbherzig angehen kann, um aufgeregte Kunden zu beruhigen. Ein bisschen Green Marketing betreiben geht ebenso wenig wie ein bisschen schwanger werden. Green ist eine Denkweise, eine Weltanschauung, die letztendlich in alle Prozessfelder eines Unternehmens implantiert werden muss, um Produkte und Dienstleistungen langfristig am Markt halten zu können. Nachhaltigkeit darf dabei nicht nur zu einer Produkteigenschaft werden.

Trotz der Differenzierung vom Ansatz her ergänzen sich CSR und Green Marketing: Ein gutes, „grünes“ Produkt wird nicht erworben, wenn das Unternehmen insgesamt eine negative Bilanz vorweist. Ein vorbildliches Unternehmen verspielt seine Sympathiewerte, wenn es schlechte Produkte auf den Markt bringt. Erfolg wird nur haben, wer als gutes Unternehmen gute Produkte anbietet.

Viele Start-ups der letzten Jahre haben grüne Werte bereits als feste Bestandteile, quasi als DNA ihres Unternehmens implementiert. Verankert in ihrer Generation, denken die Gründerinnen und Gründer nicht nur quer und probieren Neues aus, sondern sie setzen es auch marktgerecht in erfolgreiche Geschäftsmodelle um: Green Marketing hilft den Visionären von morgen, erfolgreich Gutes zu tun. 14% der Gründungen in 2014 wurden der Green Economy zugerechnet, zwischen 2006 und 2013 waren es insgesamt 170.000 Gründungen laut dem Green Economy Gründungsmonitor.

 

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Er kam, er sah, er ging – der McB

Das war kein Rauschen, das war ein ganzer Sturm, der da im letzten Jahr durch den medialen und geselligen Blätterwald rauschte: Darf McDonalds das? Einen Bio-Burger auf den Markt bringen?

Natürlich dürfen die, aber genauso klar war es, dass es sich beim McB um eine sehr eindeutige green washing-Aktion handelte, denn weder waren Brötchen, Salat oder der Käse bio, sondern lediglich das Fleisch, noch änderte sich etwas in den grundsätzlichen Nachhaltigkeitsüberlegungen des Klopsebraters. Aber mit dem Bio-Siegel in der Hand und auf dem Plakat ließ sich bestens Aufmerksamkeit erregen:

Auch wenn man sich bei McDonalds grundsätzlich viele und auch gute Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit macht (hier der aktuelle Nachhaltigkeitsbericht), so stand das Aufspringen auf den fahrenden grünen Zug hier doch klar im Vordergrund, was die bewußt in Szene gesetzte Zweideutigkeit in der Werbung belegt:

Denn gesünder wird der Burger grundsätzlich nicht, nur weil das Fleisch aus der Bio-Produktion kommt. Doch ein reines Bio-Produkt bei McDonalds sei ohnehin nicht möglich, denn, so Holger Beek, Deutschlandchef von McD: „Einen kompletten Bio-Burger, bei dem alle Zutaten aus kontrolliertem Bio-Anbau stammen, ist bei den Mengen, die wir brauchen, derzeit nicht zu machen“, (Quelle: stern)

Laut war der Beginn, aber ganz leise dann der Abschied: Der Verbraucher habe das Produkt zwar positiv aufgenommen, aber bio sei eben doch nur eine Nische und der Burger – allen Möglichkeiten der Imagekorrektur zum Trotz – nicht über stabile Verkaufszahlen hinausgekommen.

Zeitgleich mit der Absage verkündete jedoch im Rahmen der biofach in Nürnberg der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dass „2015 mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken ein Umsatzplus von 11,1 % und ein Marktvolumen von insgesamt 8,62 Mrd. € (2014: 7,76 Mrd. €) erreicht“ wurde (Quelle). Bio nur eine Nische?

Vielleicht war das green washing doch zu leicht zu durchschauen – und womöglich sucht der bewußte Esser das Bio-Produkt eben nicht beim Fast-Food-Anbieter aus der Systemgastronomie, sondern eher bei der kleinen Burgerbude an der Ecke.

Und vielleicht war es sogar ganz gut für McDonalds, dass das Projekt nicht zum Erfolg wurde, denn vorher hätte das Unternehmen auf Dauer die großen Mengen an Bio-Fleisch beziehen sollen? Mehrere hundert Tonnen (branchenintern wird von 600 gemunkelt) musste McD für die Testphase besorgen, was sie nach eigenen Angaben 12 Monate „Vorbereitungsszeit“ gekostet hat. Würde McDonalds nur diesen Burger dauerhaft anbieten, müßten sie gut ein Zehntel der deutschen Bio-Fleischproduktion dauerhaft beziehen…

Und doch ist das Thema „Nachhaltigkeit“ für McDonalds zu wichtig, um es komplett aufzugeben und so präsentiert man uns nun die Qualitätskette:

Auch global stellt man sich den sich verändernden Ernährungswünschen der Kunden: So werden in Toronto erfolgreich Linsen- und Süßkartoffel-Hummus-Wraps mit Grünkohl, Pulled-Beef-Burger und Salat mit Edamame und Mandarinen angeboten.

Es macht eben mehr Sinn, sich umfassend mit „grünen Gedanken“ auseinander zu setzen als nur ein Pseudo-Produkt zu testen….

 

Der Nachhaltigkeitstroll auf dem #csrcamp16

Zum 2. Mal fand am 25. Januar das CSR-Camp in Berlin statt, wieder mit großer Grandezza organisiert von der Feldmann & Hellmann Barcamp Organisation:

Quelle: CSRcamp16 / Axel Kammann

Das CSR-Camp ist eine sogenannte „Unkonferenz“, bei der die über 100 Teilnehmer Vorschläge zu den Sessions machen, die sie geben möchten, und dann das Plenum darüber abstimmt, wie sich der Tag gestaltet: Ergebnis ist der Session-Plan:

2016-01-25 11.33.04Ich habe mich als „Nachhaltigkeitstroll“ angekündigt, denn nach wie vor stört es mich, dass die Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmens-zentralen zwar aufwendig gestaltet, aber inhaltlich nicht überprüft werden. Jedes Unternehmen kann sich in diesen so grün darstellen, wie es gerne möchte – und das dann noch in blumigster Sprache.

Hefte raus, Überraschungstest!

Welches Unternehmen hat wohl den folgenden Text für seinen Nachhaltigkeitsbericht verbrochen verfasst ?

 

 

Wir wissen, dass Wachstum nur Hand in Hand mit Verantwortung und Umweltschutz möglich ist – ja, mehr noch: In den vergangenen Jahren sind daraus echte Werttreiber erwachsen. Deshalb dient auch alles, was wir im Interesse der Nachhaltigkeit unternehmen, dem Erreichen unserer Konzernziele – flankierend, fördernd und unterstützend. (…) Darin spiegelt sich unser konzernübergreifendes und in allen Regionen der Welt anschlussfähiges Nachhaltigkeitsverständnis ebenso wider wie unsere Überzeugung, dass ein langfristiges, stabiles und an ethischen Maßstäben orientiertes Wirtschaften Voraussetzung ist, umweltorientiert zu handeln und die Zukunft der Menschen im Konzern und in der Gesellschaft verantwortungsbewusst mitzugestalten.

a) Lufthansa, b) VW, c) Henkel oder d) Daimler? Mutmaßungen werden entgegengenommen….

Müssen CSR-Berichte so schwafeln? Haben wir nicht etwas besseres verdient? Und ist ein Flugzeug nicht nach wie vor noch ein Umweltverschmutzer, auch wenn es nun ein wenig leiser fliegt?

Die Diskussion in meiner Session verlief erfreulich lebhaft: Auf der einen Seite wurden die Nachhaltigkeitsberichte verteidigt, hätten sie doch zum einen eine sehr wichtige unternehmensinterne Wirkung und zum anderen seien ja auch schon kleine Fortschritte eben Fortschritte. Das Prinzip Wachstum wurde dabei nicht in Frage gestellt, sondern es wurde stets argumentiert, dass mit den Gewinnen aus dem ökonomisch angeblich notwendigen Wachstum erst die Gelder in die Nachhaltigkeitsbemühungen fließen können und somit eben dieses Wachstum auch als notwendig rechtzufertigen sei. Das Konzept Degrowth oder die Forderung einer stärken Regulierung der vielleicht zu freien Märkte wurden hingegen nur selten diskutiert.

Doch mit mir grollten noch andere Trolle: Große Unternehmen können sich natürlich Nachhaltigkeitsberichte sowie die damit verbundenen Audiits und externen Prüfungen leisten, aber was sollen die KMUs machen, die immer häufiger ihren Kunden ihr Nachhaltigkeitsmanagement nachweisen müssen? Welche Formen der (bezahlbaren) Kommunikation können sie nutzen? Und wieso sind diese CSR-Berichte eigentlich so geschrieben, dass sie sich allein schon sprachlich wie formal gar nicht um den geneigten Otto Normalverbraucher bemühen?

Es sollten unterschiedliche Lesergruppen identifiziert und die Berichte an diese angepasst werden, war dazu eine Idee, eine andere ging in die Richtung, Kurzberichte für alle zu veröffentlichen und die dicken Bände für Investoren und andere Interessenten zu belassen.

Vielleicht bürstet man das Thema aber ganz einfach einmal gegen den Strich, wie es z.B. die Kommunikationsberatung Klenk & Hoursch für den Kunden Bitburger gemacht hat: So entstand ein ansprechendes Online-Magazin zum Thema Nachhaltigkeit, bei dem selbst die Auzubildenden zu Wort kommen – denn: „Nachhaltigkeitskommunikation soll auch Spaß machen“, wie es Inka Heitmann und Carsten Nillies von Klenk & Hoursch in ihrer Session auf den Punkt brachten.

Fazit: So wie die meisten Unternehmen Nachhaltigkeitskommunikation bislang verstehen, ist sie nicht vielmehr als ein langweiliges Anhängsel zum Jahresbericht, bei dem das Thema scheinbar einzig als ökonomische Notwendigkeit verstanden wird. Dagegen gilt es nach wie vor anzutrollen und zu grollen, damit verstanden wird, dass CSR überzeugend und glaubwürdig vorgetragen und vorgelebt werden muss. Ansonsten bleibt stets der Verdacht des greenwashings. Und dann wird es auch nächstes Jahr wieder heißen:

2016-01-25 14.28.16

 

Kein Wert ohne Gegenwert

Kaum ein Begriff wurde in den letzten Jahren inflationärer eingesetzt als „Wert“. Unternehmen müsen den Wertewandel stemmen, verpflichten sich  – gerne in ihren bunten CSR-Berichten – neuen, nachhaltigen Werten und in der Tat gibt es bei manchen Firmen so etwas wie ein „Wertemanagement“, wie immer das auch funktionieren mag.

Werte entstehen durch Bewertungen, z.B. welches Verhalten von einer Gesellschaft als positiv angesehen wird. Mit dem gesellschaftlichen Wandel verändern sich ebenso die Werte, so ist „Sparsamkeit“ in den letzten Jahren sehr in Vergessenheit geraten zugunsten der Statusbildung via Konsum.

Das Problem liegt jedoch darin, dass Werte bipolar sind und durchaus in einem Konflikt zueinander stehen können: So kollidiert der Anspruch Transparenz und Offenheit mit dem Wert der Verschwiegenheit.Ist Wandel jetzt der Wert der Stunde oder Stabilität? Brauchen wir mehr Vertrauen oder mehr Kontrolle? Bringt uns Fleiß weiter oder Müßiggang? Halten wir an Traditionen fest oder begrüßen wir die Modernisierung? Sollen wir im Job lieber unternehmerisch denken oder den Anweisungen folgen? Und so weiter und so fort….

Schon wir als Privatpersonen wechseln unsere Werte mehrmals täglich je nach Situation: Natürlich sind wir für Ehrlichkeit, aber kleine Geheimnisse rechtfertigen die eine oder andere Flunkerei, da ist ja nichts dabei. Wesentlich schwieriger wird es für Unternehmen, die auf den gesellschaftlichen Druck hin natürlich nachhaltigen Werten gerecht werden wollen (und dazu jedes Jahr schicke CSR-Berichte (Corporate Social Responsibility) schreiben, die dann so tolle Titel tragen wie bei Ferrero: Werte teilen, um Werte zu schaffen), aber den Wertekonflikt nicht bewältigen können oder wollen. Nachhaltigkeit und Profit finden im betriebswirtschafltichen Denken kaum statt, in den Köpfen vieler Unternehmer behindert das eine das andere und in den Köpfen der Konsumenten das andere das eine. Werden diese Konflikte jedoch nicht bewältigt, dann entsteht ein Wertverlust, nämlich an Glaubwürdigkeit und Vertrauen und dieser manifestiert sich dann auch ganz profan in wirtschaftlichen Verlusten.

Manchmal reicht es jedoch schon aus, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu engagieren und sie „mehr Wert“ schaffen zu lassen

Jeder vierte Einwohner ist in Philadelphia auf staatliche Lebensmittelmarken angewiesen, die Zahl der Obdachlosen ist so hoch wie in kaum einer anderen amerikanischen Stadt. Rosa’s Fresh Pizza hat mittlerweile weit über 10.000 Stück Pizza an Obdachlose ausgegeben, im Schnitt 40 Mahlzeiten am Tag. Kein komplett neues Prinzip, so gibt es seit über 100 Jahren in Neapel und Süditalien den Brauch des Caffè sospeso, bei dem zwei Caffè bezahlt, aber nur einer getrunken wird. Der zweite Espresso wird dann vom Barista auf Nachfrage an einen Bedürftigen ausgegeben. In Zeiten der Wirtschaftskrise ist diese Sitte über Neapel hinaus auch in Spanien, Bulgarien und vielen anderen europäischen Ländern aufgenommen worden.

Die Initiative Suspended Coffees Germany versucht, dies nun auch in Deutschland zu etablieren und bei Facebook kann man der globalen Initiative folgen. Diese Form der Selbstverwaltung wird immer dann nötig (und momentan immer nötiger), wenn ein Mangel an politischer Führung ausgeglichen werden muss.

John M. Sweeny, Gründer und „chief kindness officer“ der „suspended coffees„-Bewegung erklärt abschließend in diesem TEDx-Talk, warum es um mehr geht, als um Kaffee, und wie gut es uns selbst auch tun kann, Werte zu leben und nicht nur von ihnen zu reden:

 

 

Pumas Nachhaltigkeitsverständnis: ein bißchen klimaneutral und ansonsten unsozial

Prima! Puma präsentiert: den „grünsten Schuh aller Zeiten„, den Re-Suede.

In Marketing-Sprech liest sich das auf der Website dann so:

„Der PUMA Re-Suede wurde unter Verwendung der neuesten Materialien und Prozesse als eine ökofreundliche Produktneuheit entwickelt und setzt so die Tradition des unverwechselbaren Stils, des Lebensgefühls und der Innovation fort. Jeder Aspekt des Schuhs wurde im Hinblick auf seinen umweltverträglichen Einfluss entworfen, so auch das Obermaterial, die Innensohle, die Schnürsenkel und Teile des Futters, die alle aus 100 % recycelten Materialien und einer innovativen neuen Laufsohle bestehen. (…) Der PUMA Re-Suede kommt nach wie vor im Look und im Gefühl des originalen Suede daher, ist aber für den umweltbewußten Kunden konzipiert. Die Laufsohle ist aus Double R Rice Rubber hergestellt, bei dem ein Teil des Gummianteils durch Reishülsen ersetzt wird, einem natürlichen Beiprodukt aus der Lebensmittelindustrie. Somit verringert sich nicht nur der Gummianteil erheblich, sondern es lassen sich auch fossile Energien in der Produktion und landwirtschaftliche Resourcen einsparen, was diesen Schuh zum bisher nachhaltigsten PUMA-Produkt macht.“

Schön sieht er ja aus:

Aber immer, wenn ein Unternehmen derart auf die Nachhaltigkeitstrommel schlägt, sollte man doch noch einmal genauer hinschauen: Puma veröffentlicht zwar lobenswerter Weise regelmäßig einen Nachhaltigkeitsbericht und gibt sich dabei auch klima-reumütig: „Rund 145 Millionen Euro müsste Puma eigentlich an die Natur bezahlen, um Schäden auszugleichen. Dafür gibt es aber heute kein internationales Verfahren“, zitiert die taz den Puma-Nachhaltigkeitsexperten Reiner Hengstmann. Eigentlich…

Doch „green“ bedeutet eben nicht mehr nur „klimaneutral“, sondern auch „sozial“ – und so stellt sich schnell nicht nur die Frage nach dem Umgang mit den Ressourcen bei der Produktion von Turnschuhen, sondern auch nach der fairen Bezahltung der Arbeiter in den Puma-Zulieferfabriken.  Die CI Romero behauptet, Puma lasse zu Hungerlöhnen produzieren und handele unethisch – und verweist auf die aktuelle Studie von „War on Want“

Und wie reagiert Puma auf die Vorwürfe? Überraschend ehrlich. Höhere Löhne würden die Produkte verteuern, denn auf den Gewinn könne und wolle Puma nicht verzichten, erklärt Puma-Vorstand Reiner Seitz im taz-Interview:

„Warum sagen Sie Ihren Zulieferern in Bangladesch nicht einfach, sie sollten den Arbeiterinnen 8.000 Taka, 78 Euro, monatlich zahlen – wodurch diese nach Berechnungen von Arbeitsrechtlern dann endlich ihren Grundbedarf finanzieren könnten?

Das würde bedeuten, dass die Preise unserer Produkte deutlich steigen. Und das wiederum würde die Wettbewerbsfähigkeit von Puma gegenüber den anderen Unternehmen in unserer Branche verschlechtern. (…)

Wenn Sie keinen Preisaufschlag erheben wollen, könnten Sie den Gewinn ein wenig reduzieren. Statt gut 230 Millionen Euro Nettoprofit wie 2011, blieben dann vielleicht 200 Millionen übrig – auch nicht schlecht. Erlauben das Ihre Aktionäre nicht?

Wir sind eine Europäische Aktiengesellschaft und müssen natürlich auch den Vorstellungen unserer Anteilseigner gerecht werden. (…)

Shareholder-Value vor Stakeholder-Value… na, da liest sich der Marketing-Website-Text zum Sneaker am Anfang doch gleich ganz anders, oder?

Wie steht das „nicht-grüne“ Unternehmen adidas zu diesen Vorwürfen? Im Interview mit der aktuellen „Wirtschaftswoche“ erklärt adidas-Chef Herbert Hainer, sehr wohl auf die Vorwürfe zu reagieren, seine Zulieferer nicht konsequent zu kontrollieren:

„Wir haben ihn mehrmals abgemahnt. Nachdem er sich nicht an unsere Vorgaben hielt, haben wir gesagt: Das war’s, finito, stopp, wir gehen raus. Drei Jahre später war die Fabrik pleite.(…)

Warum zahlen Ihre Zulieferer dann nur Hungerlöhne?

Das ist nicht richtig – wir zahlen grundsätzlich immer mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. (…) In El Savaldor liegt der Mindestlohn bei 170 Dollar – wer bei Adidas arbeitet bekommt 220 bis 230 Dollar, das ist mehr als ein Polizist oder ein Lehrer dort verdient.“

Das ist eben der Fluch des Nachhaltigkeitsberichts: Wenn Unternehmen wie Puma glauben, nur die Aspekte darstellen zu müssen, die gut ins eigene Konzept passen, dann sollten sie nicht verwundert sein, wenn die kritische Öffentlichkeit genau auf das schaut, was ausgelassen wurde. Nur ein bißchen „green marketing“ geht nach hinten los…

(Wer wissen will, wie man sein Unternehmen auf Nachhaltigkeit checken kann, um dann einen eigenen Nachhaltigkeitsbericht zu verfassen und zu kommunizieren, der wende sich doch an „Hultgren und Partner„!)

Entweder Wachstum oder Nachhaltigkeit – ist nur eines machbar?

Die aktuelle Ausgabe von „agora 42„, dem Magazin für Ökonomie, Philosophie und Leben, widmet sich dem Thema Nachhaltigkeit und bietet eine Vielzahl lesenswerter Beiträge.

Prof. Dr. Peter Finke setzt sich in seinem Artikel „Nachhaltigkeitsgeschwätz“ mit der „erstaunlichen Karriere eines Begriffs“ auseinander und weist nach, dass „nachhaltig“ mittlerweile inflationär oft gebraucht wird, aber selten richtig und sinngemäß (s. hierzu auch den Gastbeitrag von Oliver Schmidt).

Er stellt uns abschließend vor die Entscheidung:

„Wir haben die Wahl: Wachstum oder Nachhaltigkeit. Nicht auf das Neue müssen wir verzichten, sondern auf das Maßlose und Überflüssige. Wir stehen mithin vor einer sehr unangenehmen Einsicht. Sie heißt: entweder Nachhaltigkeit oder Wachstum, beides geht nicht zusammen. Nur verbal wird beides gerne zusammengerührt und mit Wortschminke kaschiert: „qualitatives Wachstum“, „Effizienzwachstum“, „grünes Wachstum“ oder eben „nachhaltiges Wachstum“. (…) Wir benötigen neue Lebensstile echter Nachhaltigkeit und deshalb auch eine neue Politik – aber mit dem Wachstum ist es dann vorbei.“

Finke bietet 5 Schritte an, wie man von den Ursachen der Wachstumssucht loskommen kann – und die von dem Oldenburger Wirtschaftsprofessor Niko Paech erarbeitet wurden:

„1. durch die Entrümpelung des Überflüssigen und eine kritische Überprüfung unserer Beschleunigungskultur („Entschleunigung“)

2. indem wir die übliche Fremdversorgung wieder in eine Balance mit möglicher Selbstversorgung bringen

3. durch die Förderung regionaler Ökonomien anstelle einer diese vielerorts zerstörenden Globalisierung

4. indem wir, wo immer es geht, stoffliche Nullsummenspiele organisieren

5. durch gezielte, diese Prozesse unterstützende institutionelle Innovationen“

Paech betont, dass auch in einer Postwachstumsökonomie Märkte, Unternehmen, Konsumgüter und Innovationen benötigt werden – nur jenseits einer Kultur der Maßlosigkeit.

Die guten Katholiken wissen, dass Maßlosigkeit schon immer eine der sieben Todsünden gewesen ist – nicht nur im privaten, sondern auch im wirtschaftlichen Leben. Das Umdenken zu einer Kultur des Maßhaltens führt zwangsläufig zum Ende der Obsoleszenz.

Die Vision lautet also: weniger Zeugs besitzen, dafür mehr Zeit & Freiheit gewinnen. Kann das funktionieren?

Gedanken zu Nachhaltigkeit

Zwei Prinzipien nachhaltiger komplexer Systeme:

– Austauschbarkeit aller Einzelteile
– Größtmögliche Kompatibilität mit zukünftigen Entwicklungen

Gott erschuf die Welt in sieben Tagen.

Er nahm die Dämmerung und teilte damit die Zeit in Tag und Nacht. Er nahm den Horizont und teilte damit den Raum in Himmel und Meer. Dann teilte er das Meer und die Kontinente entstanden. Diese waren bald bevölkert mit Pflanzen, Tieren und Menschen, nach Prinzipien, die Gott eigen waren.

Ein Wald beispielsweise lebt lange. Um das zu erreichen besteht er aus einzelnen Teilen, deren wichtigste Eigenschaft darin besteht, dass sie gerade nicht lange leben. Die Vergänglich jedes Einzelnen ist Voraussetzung für die Langlebigkeit des Gesamten. Ein Wald ist ein rekursiv dynamisches System.

Der Vorteil neben der Langlebigkeit ist eine hohe Anpassungsfähigkeit. Die Bäume wachsen nicht einfach nach, sie wachsen angepasst nach. Der Wald ändert beispielsweise sein Mischungsverhältnis an Nadel- und Laubbäumen. Er reagiert auf klimatische Veränderungen ebenso wie auf das Auftauschen neuer Schädlinge und anderer Populationen. Wird es kälter oder trockener, werden die Blätter, die für die Verdunstung zuständig sind, kleiner.

Daraus ergeben sich die beiden oben genannten Prinzipien für nachhaltige komplexe Systeme.

 

Zum Beispiel ein Gebäude

Sehen wir ein Gebäude als Baum, dann wird es erschaffen und vergeht. Jedes Haus hat so etwas wie ein Haltbarkeitsdatum, eine Mindestlebensdauer. Die Summe aller Gebäude (und der Infrastrukturelemente Straße, Telekommunikation, Ver- und Entsorgung etc., für die die folgenden Gedanken ebenso Gültigkeit haben) ergibt die Kommune, das Gesamte, den Wald.
Wie können wir einen Schritt weiter kommen, z.B. aus der Sicht eines Architekten? Indem wir das Haus nicht als Baum, sondern als Wald denken. Seine Einzelteile sind wie die Bäume, eher kurzlebig und austauschbar: Fundament, Wände, Dach, Fenster, Infrastruktur etc..
Konstruieren wir alles austauschbar, z.B. das Fundament nach einhundert Jahren, das Dach nach vierzig Jahren, Dachziegel alle zwanzig Jahre etc., dann könnte das gesamte Haus ewig stehen – zumindest sehr lange. Alle Elemente würden nicht nur regelmäßig erneuert werden im Sinne von Austausch. Sie würden auf dem jeweils aktuellen technischen Stand erneuert werden.

Bei der Konstruktion des nachhaltigen Gebäudes ist also nicht nur darauf zu achten, dass alle teile austauschbar sind (Prinzip 1). Es ist notwendig, mögliche technische Entwicklungen implementierbar zu machen, ohne diese in der Gegenwart schon zu kennen (Prinzip 2). Als würden wir eine Tür offen halten, die groß genug sein soll. Wir wissen nur noch nicht was fünfzig oder einhundert Jahre später durch diese hindurch passen muss.

Beispielsweise ist davon auszugehen, dass das Prinzip der Kesselheizung nach nunmehr 150 Jahren technisch ausgereift ist und bald durch völlig andere Systeme ersetzt wird. Auch Lampen wird es wohl bald nicht mehr geben. Neue Technologien sind im „nachhaltig-dynamischen Haus“ einfacher einsetzbar, als in klassischen Konstruktionen.

Die oben beschriebenen Gedanken sind auf andere Systeme übertragbar, beispielsweise Automobile. Auch soziale- und wirtschaftliche Zusammenhänge können hieran ausgerichtet werden, beispielsweise Projekte, Veranstaltungsreihen und Unternehmen.

 

Ich grüße das göttlich in Euch.

Euer Keyvi