VW – green und blue gewashed

Nun also VW. Der mediale Aufschrei ist groß, doch erstaunlicherweise bleibt es größtenteils bei der Empörung der Medien. Es verblüfft, dass sich kaum einer wirklich darüber aufzuregen vermag, hat man es doch irgendwie ohnehin vermutet und erwartet, dass (Auto-) Konzerne manipulieren, lügen und betrügen. Wir wussten vorher, dass allein schon die Angabe des Benzinverbrauches zu Testbedingungen gemessen wird, die in der Wirklichkeit niemals anzutreffen sind. Nun eben die Schadstoffe…

Bild: taz.de

Bemerkenswert ist jedoch, mit welcher Dreistigkeit und mit welchem Vorsatz bei VW gelogen wurde – geht es hier doch nicht um eine fehlerhafte Messung, sondern um die absichtliche Nutzung einer Software zur Schaffung eines wesentlichen Verkaufsargumentes: der Umweltfreundlichkeit.

Sauber, sauber… Das alleinige Ziel dahinter: mehr Autos verkaufen und das zu einem optimierten, sprich: höheren Preis, da die Kunden sich die Sauberkeit, die Umweltfreundlichkeit und die Beruhigung ihres grünen Gewissens etwas kosten lassen. VW verkauft bereits jedes 8. Auto weltweit, aber genug ist ja nie genug.

Solche Image-Filme wirken jetzt noch mehr wie der reine Hohn:

Es geht hier um Lügen und Betrug, doch das sollen und werden die Gerichte klären – die nichtdeutschen wohlgemerkt, denn bei uns bleibt der Gigant Volkswagen unangetastet: Kein Politiker hat bisher den Stab gebrochen (es werden lediglich schnellstmögliche Maßnahmen gefordert), denn immerhin stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel, wie der feine Herr Winterkorn in seinem Entschuldigungsvideo anführt. Und mit dieser Keule bekommt man in Deutschland jeden Politiker mundtot.

Ein lächerliches Lehrstück an Peinlichkeit.

Am schlimmsten jedoch ist der Vertrauensverlust.Vertrauen ist das Schmieröl der Wirtschaft – und wichtiger als jeder Euro oder jeder gedruckte Dollarschein. VW bestärkt uns nur in unserem Gefühl, dass wir gut daran tun, Konzernen nicht zu trauen in ihren Aussagen. Und nebenbei bemerkt: Es wäre naiv zu glauben, dass es nur der Volkswagen-Konzern (und mittlerweile auch Audi) ist, der hier geschummelt hat – sie waren nur die ersten, die erwischt wurden. Wer mogeln kann, der mogelt – und dies ist nun der letzte noch zu erbringende Beweis, dass der Markt sich eben nicht von alleine regelt. Wenn Daimler-Chef Zetsche im FAS-Interview leicht zynisch von sich gibt, dass Mercedes ja nur die Nachfrage nach spritschluckenden SUVs befriedigen würde, dann zeigt sich auch hier, dass gar kein Interesse vorliegt, Verhalten der Konsumenten zu verändern oder gar Mobilität neu zu denken.

Es verwundert daher nicht, dass „Autoverkäufer“ einer der unbeliebtesten Berufe aus Sicht der Deutschen ist. Doch letztlich hat der Kunde allen Verkäuferberufen sein Vertrauen entzogen, vermutet er – oft nicht einmal zu Unrecht, dass er nicht mehr gut beraten wird, sondern der Verkäufer ihm eher das aufdrückt, woran er den größten Gewinn hat. Die Abwanderung des Konsumenten aus dem stationären Handel in das Internet hat meiner Meinung nach auch maßgeblich damit zu tun: Wenn ich Verkäufern nicht mehr zutraue, dass sie mich gut und ohne Gewinnmaximierungshintergedanken beraten, dann shoppe ich doch lieber „störungsfrei“ online. Wenn wir wissen, wie Supermärkte heute mit hohem Aufwand versuchen, uns zu verführen und zu manipulieren, um uns immer noch mehr Ungewolltes in den Warenkorb zu „zaubern“, dann liegt es doch nahe, den Einkauf lieber gezielt online zu tätigen und sich die Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen.
Es braucht also nicht mehr nur den „ehrbaren Kaufmann“, sondern auch den „ehrbaren Verkäufer“, solange es zumindest dieses Berufsbild noch gibt, denn ich spreche hier von echten Verkäufern und nicht von „Auffüllern“. Der Niedergang dieser – ursprünglich – beratenden Verkaufsberufe ist unübersehbar: So war es die spießigste und langweiligste Wahl, nach dem Schulabschluss dem Wunsch der Eltern nachzukommen und eine „solide“ Banklehre zu absolvieren – „dann hast du immer was Sicheres in der Tasche, Kind“. Sicherheit? Ein Trugschluss! Tausende von Stellen werden bei allen Banken in diesen Monaten gestrichen, denn auch der Bankberater, dem wir vertrauen wollten, hat sich als hardselling-Verkäufer mit erbsengroßen Gewissen entpuppt, dem seine eigene Profitmaximierung wichtiger war als das Wohl des Kunden. Und auch hier bevorzugen wir mittlerweile den Automaten und das Internet, um nicht Gefahr zu laufen, von einem solchen „Berater“ an- und bequatscht zu werden.

Zurück zu den Großen: Es läuft nun alles wie immer ab: Eingeständnis und Bitte um Vergebung, Rauswurf einiger Schuldiger und dann versuchen alle, die ganze Angelegenheit vergessen zu machen und die Aufmerksamkeit auf andere Themen zu lenken statt die Erinnerung an die Katastrophe so lange wie möglich aufecht zu erhalten, um so dafür zu sorgen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen (wie in dem Aufsatz „On the Forgetting of Corporate Irresponsibility“ der Academy of Management Review empfohlen wird).

Der Vertrauensverlust ist massiv und zieht sich durch alle Bereiche. Um dieses Vertrauen wiederzugewinnen, muss, da der Fisch immer vom Kopf her stinkt, „oben“ begonnen werden:

Wir brauchen wieder eine Politik, die sich den großen Problemen widmet und nicht – wie bei VW – globale Klimaschutzziele torpediert, um nationale Industrie-Interessen abzusichern. Das Erpressungsmittel „Arbeitsplätze“ ist eine Chimäre, denn der Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie wie auch in weiten Bereichen der Dienstleistungsindustrie ist unaufhaltsam, da alte Produktionsmodelle im 21. Jahrhundert nicht mehr greifen. Statt zu versuchen, sich mit allen Mitteln dagegenzustemmen, sollte lieber darüber nachgedacht werden, wie neue Konzepte Arbeitsplätze schaffen können.
Wir brauchen einen Verbraucherschutz, der die Interessen der Verbraucher auch wirklich vertritt – und unseren Minister für Ernährung und Landwitschaft, der auch für den Verbraucherschutz zuständig ist (na, wer kennt ihn? Richtig: Christian Schmidt (CSU)…) immer wieder auf die Füße tritt, um ihm klar zu machen, dass Verbraucherschutz nicht heißt, die Industrie vor den Verbrauchern zu schützen, sondern umgekehrt.

Und wir brauchen eine Justiz/gesetzgebende Instanzen, die daran arbeitet, dass das UWG (Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb) nicht mehr wie bisher den Kunden und Verbraucher als Anspruchsberechtigten ausschließt – nur Mitbewerber und Verbände können mit dem UWG in der Hand gegen Wettbewerbsverstöße vorgehen. Allein schon die Möglichkeit einer Sammelklage wie sie in den Vereinigten Staaten gebräuchlich ist, wäre hier ein großer Schritt nach vorne.

Grundsätzlich sollten wir uns als Verbraucher fragen, wem wir eigentlich noch trauen können und wollen und wie wir unser Mißtrauen stärker zum Ausdruck bringen können. Unternehmen sollten endlich anfangen zu begreifen, dass sie umdenken und „umhandeln“ müssen, wenn sie unser Vertrauen behalten wollen. Unser Vertrauen will verdient sein!

Übrigens: Greenpeace hat schon vor über 4 Jahren auf das Problem VW hingewiesen…. Man hätte nur hingucken und zuhören müssen:

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